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Zu viele Erwartungen

Zu viele Erwartungen

02.01.16

Sehr oft kreisen Fragen, die mir per Mail oder in Therapiesitzungen gestellt werden, um das Thema Erwartungen. Die Beziehung ist für viele heute fast wie der „heilige Gral“, der Ort, an dem man für all das entschädigt werden möchte, was sonst nicht so gut läuft im Leben oder was man in der Kindheit schmerzlich vermisst hat. Hier soll es unbedingte Liebe geben, Loyalität, Zeit, Verständnis und Problemlösung.
Leider sind Erwartungen an den Partner oft wie Gift für eine Beziehung. Insbesondere Filme gaukeln uns vor, dass eine Beziehung dann glücklich ist, wenn die Partner sich vollkommen ergänzen, gegenseitig brauchen, miteinander verschmelzen, gar nicht ohne den anderen mehr sein können. Tatsächlich ist es aber so, dass die Beziehung umso besser läuft, je weniger sich die Partner brauchen, je unabhängiger sie bleiben. Für die Paardynamik macht es Sinn zu überlegen, was man geben kann und weniger darüber nachzudenken, was man herausbekommt. Es ist in Ordnung, Standards und Ziele zu haben und genau hinzusehen, ob der Andere dazu passt. Problematisch wird es, wenn das Runde einfach nicht ins Eckige will, sprich der Partner einfach nicht so ist, wie man das gern hätte.
Thorsten* und Manuela* melden sich bei mir. Sie kommen beide aus langjährigen Ehen mit jeweils einem Kind. Die Beziehung ist als Affäre gestartet und als es ernster wurde, haben sich beide von ihren Ehepartnern getrennt. Beide haben das Gefühl, jeweils viel aufgebautes Leben für den neuen Partner aufgegeben zu haben. Die neue Beziehung läuft zunächst gut. Beide unterschätzen allerdings, wie gekränkt die verlassenen Partner reagieren und wie schwierig die Trennungsauseinandersetzungen sind. Als Faustregel gilt: Es kann ein Drittel der Zeit einer beendeten Beziehung dauern, diese auf allen Ebenen zu verarbeiten. Thorsten und Manuela unterschätzen die typischen Patchwork Probleme: Mögen die Kinder den neuen Partner? Lassen sich Betreuungszeiten, Arbeit und gemeinsame Zeit als Paar koordinieren? Sind finanzielle Fragen ausreichend geklärt? Beide haben sich getrennt, um unglücklichen Beziehungen zu entrinnen; und der neue Partner schien die Lösung dafür zu sein. Jetzt stellen Sie fest, dass alte Probleme vielleicht verlassen wurden, sie aber vor einer Fülle neuer Themen und Herausforderungen stehen. 
Die beiden entscheiden sich für die Paartherapie, weil sich Manuela nach anderthalb Jahren mehr und mehr aus der Beziehung zurück zieht. Sie zweifelt, ob sie die Beziehung zu Thorsten überhaupt noch will. Im Gespräch arbeiten wir heraus, dass beide im Grunde stark überfordert sind mit ihrer Situation, zumal beide auch noch sehr anstrengende Berufe haben. Insbesondere Manuela lebt in einem regelrechten Rosenkrieg mit ihrem Ex. Beide haben oft - und offenbar zu oft - Rat und Unterstützung gesucht beim Anderen. Vor allem Thorsten reagiert mehr und mehr frustriert auf Unterstützungsanfragen seiner Freundin. Als Manuela nun noch verlangt, er solle sich doch bitte schön weniger für seinen Beruf engagieren und mehr zu Hause verfügbar sein, eskaliert die Situation. Aber auch Thorsten hat Erwartungen, seine Partnerin soll ihrem Ex schneller und effektiver die Stirn bieten, doch das fällt ihr aufgrund von Schuldgefühlen ihrem Kind gegenüber sehr schwer.
Im Gespräch klären wir, dass beide sich überlegen müssen ob sie ihren Partner wirklich so lieben wie er ist oder ob sie ihn ihren eigenen Wunschvorstellungen folgend, „verbiegen“. Ihnen wird deutlich, dass sie die Beziehung völlig überlastet haben mit den vielen „Drama-Gesprächen“. Sie vereinbaren, mehr Freunde, Familie und ggf. auch Anwälte zu konsultieren und sich mit dem Partner wieder auf mehr gemeinsame schöne Erlebnisse konzentrieren. Daraufhin bessert sich die Beziehung nach und nach wieder. Beide Partner merken jedoch auch, dass ihnen nicht ganz klar ist, ob sie sich vielleicht in einer „Ausstiegsbeziehung“ befinden, die den Zweck hat, alte Beziehungen zu verlassen. Aber sie haben zu einer Gesprächskultur gefunden, in der sie diese Fragen miteinander klären können, ohne dass einer Schuld ist und nicht genug „leistet“. 


(*Namen geändert)
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