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Wann ist es Zeit zu gehen

Wann ist es Zeit zu gehen?

26.3.16

Etwa 50% der Ehen werden inzwischen geschieden - aber ist das verwunderlich? Es gibt heute immer weniger praktische Gründe bei einem Partner zu bleiben, und es ist auch gesellschaftlich zunehmend akzeptabler zu gehen. Tatsächlich sind und waren auch früher viele langjährige Beziehungen nicht erfüllend bzw. bestenfalls mittelmäßig gut. Die Menschen sind auch nicht mehr gewillt, das automatisch bis ans Lebensende hinzunehmen. Manche Beziehungen scheinen einfach ein „Ablaufdatum“ zu haben oder werden durch die eine Änderung der Lebensumstände völlig aus der Bahn gekippt. Zu nennen sind da Krankheit, Umzug, Arbeitslosigkeit, Rente, Auszug der Kinder - aber auch so scheinbar kleine Dinge wie dass ein Partner eine Psychotherapie macht. Es ist wunderbar wenn man mit einem Partner bis ans Lebensende glücklich sein kann. Es ist aber kein Wert ans sich, möglichst lange in einer unter Umständen sogar schädlichen Beziehung auszuharren.
Ich vergleiche eine Paartherapie gerne mit Bildhauern - der Bildhauer holt aus dem Stein durch Abschlagen der überflüssigen Stellen das raus, was in dem Stein schon vorher drin gewesen ist. So wird auch in der Paartherapie das freigelegt, was in einer Beziehung tief drin steckt. Wenn es Liebe ist, wird dies herausgeholt - wenn da keinerlei Glut mehr ist, sondern nur noch Leere, führt jede Sitzung unweigerlich tiefer in Richtung Trennung. Dennoch ist das Ganze auch dann nicht sinnlos. Nach einer vorangegangen Paartherapie trennen sich Paare deutlich friedvoller.
Wann ist es also Zeit zu gehen? Im Grunde gibt es darauf nur recht grundlegende Antworten: Man muss sein Herz dazu befragen. Wenn man über einen längeren Zeitraum das Gefühl hat, dass sich die Lebenswege immer weiter auseinander entwickeln, ist dies ein guter Indikator. Auch mangelnder Sex über Monate bis Jahre ist ein Indiz für schwindendes romantisches Interesse. Zusätzlich merkt man dann auch, dass man anfängt wieder „nach rechts und links zu schauen“. Wirklich schlecht sieht es aus, wenn man sich nicht mehr anfassen mag oder am allerungünstigsten sich nicht mehr riechen kann.
Elena und Horst* kommen zu mir. Sie sind in den Dreißigern und haben seit fünf Jahren keinen Sex mehr. Elena sagt, dass sie einfach keinerlei Anziehung mehr verspürt. Horst merkt, wie sie sich ihm immer mehr entzieht und es lastet eine bleierne Stimmung bei den beiden zuhause. Sie kommen aus Unverständnis, Streit und Verletzung kaum noch raus. Wir besprechen die Situation ausführlich, und Elena öffnet sich mehr und mehr. Wie sie das Gefühl hat, sich verändert zu haben, insbesondere nachdem sie eine neue Ausbildung gemacht und sich beruflich verändert habe. Sie habe das Gefühl, Horst sei irgendwie stehen geblieben. Sie fühle einfach keine Anziehung mehr. Als sie in einer Stunde schließlich sagt, dass sie ihn auch nicht mehr liebt, öffnet sich auch Horst plötzlich. Er sagt dass es ihm, wenn er ganz ehrlich ist, ähnlich geht. Er fühle sich auch nicht mehr wohl in der Beziehung und habe sich deswegen wohl nicht mehr so eingebracht. Die beiden beschließen, sich zu trennen. Dann passiert eines der Dinge, die selbst ich immer wieder unglaublich finde: über die Ehrlichkeit ist so viel Kontakt entstanden, dass die beiden zum ersten Mal nach den 5 Jahren zu ihrer eigenen Überraschung wieder spontan zusammen schlafen. Sie kommen sich eine Zeitlang wieder näher und haben Sex, dennoch bleibt das Gefühl, dass die Trennung richtig ist. Diese kann jetzt aber in Liebe geschehen.
Muss es immer die Trennung sein? Natürlich nein. Alles ist möglich. Man kann entscheiden (und viele tun das auch), als Freunde zusammen zu bleiben und auf Sexualität (weitgehend) zu verzichten bzw. offen woanders auszuleben. Es gibt natürlich unter Berücksichtigung aller Umstände viele Gründe, vielleicht doch zusammen bleiben. Letztlich ist das eine Entscheidung, die nur die zwei betroffenen Menschen für sich fällen können.
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