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Gesunde Grenzen

Gesunde Grenzen

08.10.16

Ein Thema, das in vielen Beratungen in meiner Praxis auftaucht, ist das von Leid und Schmerz in Beziehungen, welches dadurch entsteht, dass einer der Partner nicht das macht, was man sich wünscht. Es kann sich um ein problematisches Verhalten handeln (Fremdgehen, Fremdflirten, Lügen, Sucht) oder oft auch um Wünsche, die man nicht erfüllt bekommt (mehr Nähe, mehr Aufmerksamkeit, mehr Sex). Viele Partner zeigen sich dabei erstaunlich „leidensfähig“ und lassen sich immer wieder überzeugen, dass es „bald besser wird“, ein Grenzübertritt „nicht mehr vorkommt“ und glauben an die oft und vielfältig geäußerten Versprechungen, dass sich Dinge ändern.

Häufig versucht man auch den Partner zu analysieren. Hat er vielleicht Bindungsangst oder gar eigene psychische Probleme? Liegt es an einer „problematischen“ Kindheit, die er erst überwinden muss? Braucht er vielleicht noch mehr Geduld und noch mehr verständnisvolle, gar bedingungslose, Liebe?

Wenn man ehrlich zu sich ist, wird man häufig feststellen, dass man selber das doch wirklich genug angesprochen und auch genügend Verständnis gezeigt hat - oft ohne nachprüfbares oder gar dauerhaftes Ergebnis. Hier kommt ein Sprichwort zum Tragen, dessen Gültigkeit kaum zu überschätzen ist - Taten zählen mehr als Worte. Man kann stunden-, tage- wochenlang reden mit dem Partner und alle Arten von tiefen Erkenntnissen erlangen, mit vielleicht ganz viel Beteuerungen. Was letztlich aber nur zählt, sind nicht endlose „Ich liebe dich“, „Du bist mir wichtig“ usw, sondern konkrete Handlungsänderungen.

Hier kommt die Idee der „gesunden Grenzen“ ins Spiel. Man steckt quasi einen persönlichen Rahmen ab, in dem man dem Partner erlaubt, sich zu bewegen. Man könnte auch sagen, man setzt einen „Standard“ für sich, eine Art Qualitätssicherung für die eigene Beziehung. Das Schöne daran ist, dass es gar keine Rollte spielt, warum der Andere diese Standards nicht erfüllen will oder kann, und man braucht auch gar nicht zu streiten darüber. Man formuliert einfach, was man braucht, und muss dann aber auch gegebenenfalls bereit sein, die Beziehung zu verlassen dafür - sonst hat man keine Wirksamkeit. Natürlich darf man mit dem Partner verhandeln, insbesondere wenn dieser auch seine eigenen Standards formuliert - das ist sogar sehr spannend (und einer der Kernpunkte in einer Paarberatung). Eine Ausnahme bilden dabei aber  „Dealbreaker“ (nicht verhandelbare Grenzübertritte), dann darf man auch gerne sofort kommentarlos die Koffer packen.

Was sind nun die Voraussetzungen dafür, dass man solche Standards für sich setzen kann? Es braucht erstmal eine Erkenntnis, dass man überhaupt in Gefahr ist, sich unter Wert zu verkaufen. Interessanterweise ist das für Freunde und von außen oft leicht zu sehen. Man selber aber hat unter Umständen große Mühe, dass für sich herauszufinden. Grund ist ein tiefliegender Glaube, dass in Beziehungen nicht viel für einen übrig bleibt und man sich mit Brosamen zufrieden geben muss. Dieser Glaube entsteht in der Regel bereits in einer Kindheit mit dysfunktionalen Beziehungsmustern. Wenn man von Eltern schon nicht viel bekommen hat, weil diese vielleicht süchtig, depressiv oder anderweitig nicht verfügbar waren, entwickelt man als Kind leider die Überzeugung, dass mit einem wohl etwas nicht stimmen kann. Ein Kind denkt nicht „die Eltern sind krank“, sondern „ich muss mich besonders verhalten, damit ich überhaupt Zuwendung bekomme“. Die Folge ist mangelnde Selbstliebe, die Überzeugung nicht wirklich liebenswert zu sein…und daraus folgt die oft unbewusste Annahme, dass eine nicht ganz respektvoller Umgang mit einem selbst auch im Erwachsenenalter genau das ist, was man eigentlich zu erwarten hat.

Wenn man das Ganze aber umdreht, lernt für sich einzustehen, und einfach nicht mehr toleriert, dass man selber mehr gibt als jemand anderes (oder gar respektlose Behandlung erduldet), eröffnet sich eine völlig neue Welt. Vielleicht ist man erstmal etwas einsamer, es kann Angst machen, und unter Umständen ist die Umwelt sogar wütend darüber. Aber auf die Dauer wird man belohnt werden mit einem Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstliebe. Und dann zieht man - ganz von selbst - liebe- und respektvolle Menschen in sein Leben.
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