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Einfluesse aus der Kindheit

Einflüssse aus der Kindheit

07.09.16

Wie stark der Einfluss unserer Kindheitserlebnisse auf Beziehungen im Erwachsenenalter sind, lässt sich kaum ermessen. Was auch immer wir in unserer Herkunftsfamilie erfahren, verbinden wir mit Liebe. Es wird quasi auf unserem "Liebes-Chip" programmiert. Unbewusst erwarten wir nichts anderes und verbinden die Erlebnisse (fast egal wie schlimm diese waren) mit Geborgenheit. Es entwickelt sich eines der drei Haupt-Bindungsmuster: (1) Das sichere Bindungsmodell, bei dem sich genügend Urvertrauen bildet und sowohl Nähe als auch Distanz gut vertragen werden können .(2) Der unsicher-vermeidende Bindungsstil (bei Überforderung oder ständiger Vernachlässigung), bei dem Nähe tendenziell als bedrohlich erlebt wird und sich eine „Pseudo“-Autonomie ergibt. (3) Das unsicher-beunruhigte Bindungsmodell (bei zeitweiser Vernachlässigung), bei der sich immer wieder eine Tendenz zu Verlustangst und Wunsch nach ganz viel Nähe entwickelt.

Aber es gibt noch viel direktere Einflüsse auf unser Verhalten. Besonders spannend wird es, wenn wir selber ein Familie gründen. Unweigerlich kommen dann alte Glaubenssätze und Überzeugungen wieder hoch. 70-80% der Erziehung ist einfach das, was wir an unseren Eltern beobachten und wahrnehmen. Das betrifft selbst Phasen, an die wir uns nicht erinnern können. Und was ich immer wieder feststelle ist, dass wir (unbewusst) mit dem Alter beschäftigt sind, in dem insbesondere unser erstes Kind gleichen Geschlechtes ist.
Denise und Paul kommen bei mir in der Praxis vorbei. Sie sind in den 30ern und haben ganz "normale" Paarthemen. Es gibt die einen oder anderen Kommunikationsprobleme (sie arbeiten auch zusammen im eigenen Betrieb) und immer mal wieder kleine Differenzen, aber nichts wirklich gravierendes. Wegen der Schwangerschaft von Denise wollen die beiden die Themen vor der Geburt noch angehen. Paul ist dabei total fürsorglich und freut sich sehr auf die Geburt und den Start ihrer kleinen Familie.
Rund um die Geburt ihres Sohnes macht das Paar Pause mit der Paarberatung, als sie danach wieder kommen hat sich die ganze Situation komplett verändert....und zwar zum Schlechteren. Paul hat sich von dem fürsorglichen werdenden Vater zu einem zweifelnden, genervten Ehemann entwickelt. Er stellt die Ehe in Frage, zieht sich komplett zurück und handelt vor allem im gemeinsamen Unternehmen für alle Beteiligten unverständlich und unvorhersehbar. In den Sitzungen kann Paul nicht wirklich angeben, was mit ihm los ist. Er sei einfach unruhig und würde an allem zweifeln. Nachdem die Situation sich weiter zuspitzt und sich einfach keine konkreten  Gründe zeigen für die plötzliche Veränderung, setze ich einen Einzeltermin an. Wir gehen detailliert seine Biografie durch. Er gibt zunächst  an, dass alles eigentlich relativ „normal“ verlaufen sei. Auf Nachfrage, was in denn in seinem ersten Lebensjahr los gewesen sei, sagt er, dass er sich natürlich daran nicht mehr erinnern kann. Aber er wisse dass da seine Familie fast komplett auseinandergefallen sei. Seine Eltern hätten sich nach einem Vorfall (den er nicht kenne) komplett zerstritten und er sei zeitweise bei verschiedenen Verwandten untergebracht worden. Nach seinem ersten Geburtstag hätte sich alles aber schnell wieder stabilisiert.  Ich biete die Deutung an, dass seine innere Zerrissenheit mit unbewussten Erinnerungen an sein erstes Lebensjahr zusammen hängen. Er kann sich das erstmal kaum richtig vorstellen, willigt aber ein, die Paarberatung fortzusetzen. Die Situation wird insgesamt nicht besser aber auch nicht schlechter, und wir erreichen, dass sich die beiden zumindest nicht trennen. Und das selbst für mich fast Unglaubliche geschieht. Kaum ist der Sohn ein Jahr alt, bessert sich die Stimmung im Paar auf fast magische Art dramatisch. Schon zwei bis drei Sitzungen später geben beide an, dass eigentlich alles gut sei und man die Paarberatung nicht weiter brauche.
Es ist immer interessant, mal zu überlegen, was im eigenen Leben los war, wenn eigene Kinder in eine neue Lebensphase eingetreten. Man kann die aufkommenden Gefühle nutzen, das ein oder andere neu zu verstehen und vielleicht sogar etwas zu heilen.
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