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Brauchen versus Wollen

Brauchen vs. Wollen

5.6.16

Eine erstaunliche komplexe und schwierige Frage ist diese: Wie bekommt man sei- ne Bedürfnisse erfüllt in Beziehungen? Hat man ein "Recht", bestimmte Dinge wie zum Beispiel Aufmerksamkeit, Bestätigung, Zeit, Sexualiät zu bekommen? Braucht man überhaupt eine Beziehung dafür? Andererseits, warum überhaupt in Bezie- hung sein, wenn man nicht dort etwas finden kann, was es außerhalb nicht gibt? Und dann gibt da noch die Frage, soll man seine ganzen, vielleicht verbotenen und unmäßigen Wünsche, wirklich zeigen? Oder riskiert man dann nicht, den an- deren mit dem wie man wirklich ist zu vertreiben?
Kerstin und Rolf sind bei mir. Sie sind in den 40ern und schon lange ein Paar mit einem Kind. Rolf hat ein sehr starkes Bedürfnis nach körperlicher Nähe. Er wird oft zurückgewiesen und hat schließlich Sexualität heimlich außerhalb in zwei länge- ren Affären gesucht, was auch der Grund der Paartherapie ist. Im Einzelgespräch wird deutlich, dass Rolf eine extrem lieblose Kindheit hatte. Immer noch sehnt sich ein Teil in ihm danach, dieses "Defizit" zu "heilen". Unbewusst schiebt dieses auch den Wunsch nach Intimität in Partnerschaft an. Kerstin fühlt instinktiv, dass sie die- ses Probleme nicht für ihn lösen kann. Auf der anderen Seite war sie oft emotional überfordert in ihrer eigenen Kindheit und konnte dort kaum lernen, ihre Wünsche selber zu regulieren.
Rolf arbeitet für sich an seinen "Mangel-"Themen und erkennt die biografi- schen Zusammenhänge immer besser. Er beschließt in Zukunft komplett ehrlich zu sein in der Beziehung - und dies ist ein starker Akt der Selbstliebe. Er teilt nun mit Kerstin seine Wünsche nach Nähe, aber auch seine Erwartungen, Ziele und pha- senweisen Zweifel an der Beziehung - und geht damit auch gleichzeitig seine eige- ne Verlustangst an. Er riskiert, sich so einzubringen, wie er ist. Er weiß auf der ande- ren Seite, dass Kerstin frei ist und in keinster Weise verpflichtet ist, für ihn immer da zu sein. Gleichzeitig ist Kerstin in dem Dilemma, dass sie sich zwar den Wünschen ihres Mannes verschließen kann, aber auch riskiert dass er dann eventuell geht. Ihre Ehrlichkeit ist gefordert, wenn sie zu ihren eigenen Grenzen stehen muss. Nun entsteht das, was man in der Paartherapie die "Feuerprobe" nennt. Beide setzen sich erstmals wirklich ehrlich und auf Augenhöhe auseinander. Sie gehen ihre un- terschiedlichen Bedürfnisse an, ohne zu wissen, was da letztlich bei entsteht. Es fol- gen nun Phasen, wo alles großartig läuft und beide erstaunt sind, wieviel Neues noch zu entdecken ist. Es gibt aber auch Phasen von Frust und Nachdenklichkeit. Rolf findet so viel Gefallen daran, endlich mal seine Ziele und Grenzen zu formulie- ren, dass dies auch auf weitere Lebensbereiche wie Arbeit und Kindererziehung übergreift. Kerstin stellt fest, dass sie Schwierigkeiten hat, wirkliche Nähe zuzulas- sen. Dies war in den Affären des Mannes untergegangen, da er seine Wünsche entweder nicht gezeigt oder woanders ausgelebt hat (allerdings ohne dass ihn das glücklicher gemacht hätte).
Ein Zeichen guter Partnerschaft ist es, sich mit Vorbringen seiner Anliegen ver- letzlich zu machen, ohne dass man zwingend erwartet, das ein Partner sie alle er- füllt. Wenn Ziele und der Partner überhaupt nicht übereinander kommen, ist dies ein Zeichen mangelnder Kompatibilität. Es ist dann besser, sich selbst zu lieben und gegebenenfalls zu gehen, anstatt bei jemand Unpassenden zu bleiben und letztlich unglücklich zu werden. Dieses Wagnis wird aber, wenn es gelingt, reich belohnt mit Nähe, lebendiger Kommunikation und dem Gefühl, geliebt zu werden, wie man ist. Je größer das Risiko, das man eingeht, je größer der mögliche Ge- winn.
In modernen Beziehungen ist Verbindlichkeit und Ja-Sagen zueinander nicht mehr, dass man sich verspricht bestimmte Dinge zu tun oder zu unterlassen. Es ist das Versprechen, kompromisslos ehrlich zu sein.

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