+49 (0)151-54774440 | praxis@eheberatung.info                        

Beziehung aus der Fuelle

Dem Partner verzeihen als Akt der Selbstliebe

17.06.16

Thorsten und Karin sind bei mir und haben das klassische Paartherapie-Thema: Ka- rin hat sich in einen Arbeitskollegen verliebt und dann über mehrere Monate eine geheime Affäre gehabt. Wie so oft, deckt Thorsten schließlich das Ganze unge- plant über ihr Handy auf. Da auch Thorsten in dem Unternehmen arbeitet, haben wir hier das ‚volle Programm‘: Das Fremdgehen an sich, das Lügen darüber und noch die besondere Erschwernis, dass sich alle kennen.
Die beiden sind seit über 20 Jahren zusammen, verheiratet, haben Kinder. Die Ehe ‚dümpelte‘ vor sich hin seit geraumer Zeit, derartige Krisen hat es aber noch nicht gegeben.
Als sie kommen, haben sie bereits viel geredet, und Karin sieht das Ganze in- zwischen als einen großen Fehler an. Sie kann sich die Verliebtheit gar nicht mehr erklären, weiß aber dass sie schon lange unzufrieden war und die Aufmerksamkeit und das Umworben werden sehr genossen hat. Wir besprechen über einige Sit- zungen die Gründe für das Fremdgehen und wie sich die Ehe überhaupt entwi- ckelt hat. Thorsten und Karin gehören zu den Paaren, die sich schon noch lieben, die ihre Ehe aber einfach nicht mehr gepflegt haben, und auch wichtige Dinge nicht mehr ansprechen mochten. Im Laufe der Therapie bessert sich die Situation erheblich, und eigentlich könnte alles wieder schön sein, wenn Thorsten nicht im- mer noch so verletzt wäre. Es kommt oft vor, dass die beiden eine schöne Zeit ha- ben, und Thorsten plötzlich erinnert wird an den ganzen Schmerz (zum Beispiel einfach durch eine Filmszene). Thorsten kann dann nicht anders und bringt schnei- dende Kommentare oder zieht sich schlagartig komplett zurück. Es ist zwar alles Mögliche verändert und besprochen, aber eine ganz wichtige Zutat fehlt noch: Thorsten hat ihr nicht wirklich verziehen. Ich spreche das an, und Thorsten reagiert wie ALLE in dieser Situation. Er will es eigentlich nicht. Gerade weil man verletzt ist, möchte man das Konto offen halten, das der andere so weit überzogen hat. Man möchte eigentlich (auch wenn man es nicht zugeben mag) dem anderen zeigen, wie weh es tut, und versucht das innere Schmerz-Konto damit auszugleichen. Das Problem dabei ist, dass man damit die ganze Zeit in einer offenen Wunde stochert, und diese sich nie schließen kann. Schmerzen in einer Beziehung sind eigentlich immer Zeichen, dass man sich erweitern möchte und der gegenwärtige Zustand eine unnötige Kontraktion darstellt. Geheimes Fremdgehen ist ganz sicher kein lie- bevoller Akt. Aber echte Liebe rechnet auch nicht endlos auf. Der eigentliche Grund, warum ich meine Klienten aber oft regelrecht dazu dränge, dem anderen zu verzeihen, ist jedoch folgender: Man verzeiht nicht hauptsächlich dem Partner zuliebe, sondern dies ist vor allem ein Akt der Selbstliebe. Wenn man dem Ande- ren nicht verzeiht, findet man selber NIE wirklichen Seelenfrieden.
Und wenn man es definitiv nicht kann? Oder man zu hören bekommt „ich wür- de das immer wieder so tun“? Dann ist es Zeit zu gehen, und das ist dann auch ex- akt das Richtige. Ansonsten quält man sich als Paar unter Umständen über Jahre damit. Und die Frage, wer daran Schuld ist, wird einen keinen Zentimeter nach vor- ne bringen.
Oft ist es gut, das Verzeihen in ein kleines Ritual zu packen, damit es auch den angemessenen Rahmen hat. Natürlich gehört auch dazu, dass sich Karin nochmals von Herzen entschuldigt für den Schmerz, den sie ausgelöst hat. Die beiden über- legen sich, alles was sie noch rund um die Affäre belastet, auf Karten zu schreiben und diese dann zu verbrennen. In der folgenden Sitzung zeigen sich beiden zum ersten Mal wieder einigermaßen unbeschwert und glücklich. Dennoch: Nach einer solchen Erfahrung hat die Liebe tiefe Narben bekommen, die nie ganz weggehen. Man fürchtet, dass so etwas wieder passiert und kann es lange nicht vergessen. Deshalb ist es viel besser, gleich das Gespräch zu suchen, wenn man merkt dass man sich verliebt. Aber dazu gehört extrem viel Mut, und letzten Endes sind wir einfach alle nur Menschen, die auch mal (große) Fehler machen.


Share by: