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Beziehungen aus der Fuelle

Beziehungen aus der Fülle

23.02.16

Beziehungen werden immer mehr zu einem Lebensbereich, von dem eine ganz besondere Sinnstiftung erwartet wird. Sie sollen uns doch endlich mal glücklich machen, wenn schon der Rest des Lebens manchmal so anstrengend ist. Leider ist das etwas, was leicht scheitern kann. Immer wenn man mit einem Gefühl von „Mangel“ an eine Beziehung herangeht, also dort etwas sucht, was man in sich nicht findet, bekommt man ein Problem auf die Dauer. Man hängt an der „Tankstelle“ des Anderen, und das wird der Partner irgendwann mit Rückzug oder Wut quittieren, weil er sich nicht wirklich gemeint fühlt. Wenn beide Partner sehr in dieser Dynamik sind, wird Liebe zu einem Kuhhandel. Mann fühlt sich nicht mehr frei in der Beziehung und die Freude geht verloren.
Der Mangel kann aber auch in langen Beziehungen entstehen, wenn die Belastungen einfach immer mehr werden und man nicht mehr auf sich achtet. Horst und Kathrin(*) kommen zu mir. Sie haben zwei Kinder, Horst muss deutlich mehr als 40 Stunden arbeiten, es gibt kranke Eltern und dann wird das ersehnte Haus gebaut. Wie bei so vielen Elternpaaren geht viel Energie ins Außen und auch die Kinder werden umfassend umsorgt mit ihren vielen Hobbies. Alles wird beachtet, nur die wichtigste Achse wird ausgelassen: die Beziehung.
Sie gehen nicht mehr aus, machen sich nicht mehr schick füreinander, lachen nicht mehr, der Sex hört auf und sie funktionieren nur noch. Lange geht das gut, die Kinder gedeihen und auch das Geld für das Haus ist endlich erspart. Aber beide werden eigentlich immer leerer und unglücklicher. Dann trifft Kathrin jemand beim Sport, der ihr zuhört, sie fühlt sich wieder als Frau: Lebendig, begehrt, eine kurze Affäre startet. Diese bleibt nicht lange geheim. Horst sieht eines morgens eine SMS auf ihrem Handy erscheinen und stellt sie zur Rede. Es gibt die große Krise mit Tränen, durchwachten Nächten und dann den Entschluss zur Paartherapie.
Hier fangen sie endlich wieder an zu reden. Über die Erschöpfung und wie das Leben langsam immer monotoner und berechenbarer geworden ist. Wie man sich einfach nicht vorstellen kann, das bis zur Rente so beizubehalten. Kathrin wünscht sich Abenteuer, Spannung. Außerdem fühlt sie sich im Alltag und mit dem Hausprojekt nicht genug unterstützt. Horst ist völlig geschockt, er hat das alles überhaupt nicht kommen sehen. Als er zunächst kurz über Trennung nachdenkt, merkt aber auch Kathrin schnell, dass sie das auf keinen Fall will.
Erst macht die Beziehung wieder schnelle Fortschritte. Sie sind beide froh dass die Affäre nicht in die Trennung übergeht, sie reden, gehen wieder aus und der Sex macht auch wieder Spaß. Horst versucht jetzt alles „richtig“ zu machen. Abends nach dem Job baut er nun mit am Haus, er versucht mit ihr jeden Tag ausreichend zu reden und spannende Verabredungen zu machen. Nach ein paar Wochen gibt es dann aber plötzlich die große Krise. Horst ist völlig erschöpft und kann sich nur noch leer zurückziehen. Kathrin fürchtet sofort, dass alles wieder in die alte, frustrierende Spur kommt und beide beginnen sich erstmals wieder zu streiten.
Das Paar erkennt in der nächsten Sitzung, dass man den Anderen und auch die Kinder nicht letztlich glücklich machen kann, sondern nur sich selber. Dass Selbstliebe die Voraussetzung ist, dem anderen etwas geben muss. Dass man nur aus der Fülle dem anderen was abgeben kann. Die beiden suchen sich Unterstützung bei der Versorgung der Eltern, lassen das nicht ganz fertige Haus unfertig sein und überdenken auch den Freizeit-Stundenplan der Kinder. Stattdessen überlegen beide, was sie für sich brauchen und wie sie sich - jeder für sich - wieder aufladen können. Von diesem Punkt an geht es - nun nachhaltiger - wieder bergauf für das Paar.

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