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Angst vor Nähe, Angst vor Distanz

Angst vor Nähe, Angst vor Distanz

9.10.15

Verlustangst und Bindungsangst sind Zwillinge, die mir in vielen Paartherapien begegnen. Verlustangst erkennt man selber an sich und auch am anderen leicht. Das ist die bohrende Angst, dass einem jemand wichtiges verloren geht, dass der andere jemand anderen kennen lernt oder die Gefühle weniger werden. Verlustangst empfindet man auch als Angst. Bindungsangst ist hingegen viel schwieriger zu erkennen. Man erlebt sie nicht als Angst, es ist eher das Gefühl, dass man eingeengt wird, die Freiheit verliert oder sogar, dass einem die Luft abgedrückt wird. Es ist der Eindruck, irgendwie benutzt oder zumindest zu sehr gebraucht zu werden. Bindungsangst ist nicht nur, dass man vielleicht nicht heiraten will, keine Kinder bekommen mag oder sich anderweitig nicht binden will….details….. Tatsächlich haben Bindungs- und Verlustangst einen gemeinsamen Kern: Sich nicht wirklich sicher fühlen in Beziehungen. Nicht das zu bekommen, was man braucht oder aber die Sorge dass man sich nicht abgrenzen darf. Interessanterweise finden sich häufig entsprechende Paare. Die Gefahr ist dabei groß, dass man sich immer tiefer in diese Muster gräbt. Dem Verlustängstlichen wird immer banger, je mehr sich der andere ihm scheinbar entzieht. Und der Bindungsängstliche fühlt sich immer mehr erdrückt durch die scheinbar unerfüllbaren Wünsche des anderen. Irgendwann explodiert die Beziehung, man leckt die Wunden. Aber die Gefahr ist groß, dass man in der nächsten Beziehung genau das Gleiche erlebt, oder - was noch irritierender ist - plötzlich die Rollen in diesem Drama wechselt. Wie entstehen nun diese Ängste? Meist spielt doch die Biographie hier eine große Rolle. Verlustangst entsteht grob gesagt in einem vernachlässigenden Umfeld. Bindungsangst entsteht da, wo sich das Kind massiv überfordert fühlt, zum Beispiel durch einen depressiven oder suchtkranken Elternteil. Und machmal bekommt man eben von beidem was ab. In der Paartherapie sind diese Themen nicht ganz leicht anzugehen, da sie so stark in die Persönlichkeitsstruktur gehen. Man kann es negativ sehen, dass sich die beiden drohen "in den Wahnsinn" zu treiben. Positiv gesehen sind sie aber Coaches füreinander, die dem anderen gnadenlos die eigenen Defizite spiegeln. Was kann man nun solchen Paaren raten? Erstmal sind leichte Tendenzen in diese Richtung recht normal für viele. Zum Problem wird es erst, wenn man sich in einer Abwärtsspirale befindet, bei der man sich immer weiter antriggert. Dann ist es vor allem extrem hilfreich, diese Dynamik zu verstehen, ohne dass jemand gleich der Schuldige ist. Der richtige Rat für den Verlustängstlichen ist, mehr Distanz und Alleinsein zu wagen. Und für den Bindungsänsgtlichen, bewusst mehr Nähe und Verlässlichkeit zu riskieren. Außerdem ist es wichtig, möglichst stark im Moment zu bleiben, an diesem ganz speziellen Tag. Alle Ängste haben gemein, dass man nicht im Hier und Jetzt lebt, sondern negativ mit der Zukunft beschäftigt ist. Es reicht, zu überlegen was man genau heute der Beziehung geben kann und nicht darüber zu grübeln ob ich vielleicht in 4 Wochen verlassen werde oder mich für ein Leben lang binden muss.
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